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Lebensmittel & Ernährung9 Min. Lesezeit

Nahrungsergänzungsmittel: Sinnvoll oder Geldverschwendung?

Nahrungsergänzungsmittel kritisch betrachtet: Wann sie sinnvoll sind, wann gefährlich – und warum die meisten Menschen keine brauchen. Faktencheck.

Rechtliche Einordnung: Lebensmittel, nicht Medikament

Nahrungsergänzungsmittel (NEM) sind rechtlich Lebensmittel, keine Arzneimittel. Sie unterliegen der Nahrungsergänzungsmittelverordnung (NemV) und müssen lediglich beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) angezeigt werden – eine Zulassung oder ein Wirksamkeitsnachweis ist nicht erforderlich. Das bedeutet: Anders als bei Medikamenten muss kein Hersteller beweisen, dass sein Produkt tatsächlich wirkt.

Diese Unterscheidung ist vielen Verbrauchern nicht bekannt. Die Aufmachung vieler NEM – Kapseln, Tabletten, Tropfen in pharmazeutisch anmutenden Verpackungen – erweckt gezielt den Eindruck eines medizinischen Produkts. Die Health-Claims-Verordnung verbietet zwar Heilversprechen, aber allgemeine Aussagen wie trägt zu einem normalen Immunsystem bei' sind für zugelassene Claims erlaubt und werden von Verbrauchern häufig überinterpretiert.

Wann Nahrungsergänzung sinnvoll sein kann

Für die Mehrheit der Bevölkerung ist bei ausgewogener Ernährung keine Nahrungsergänzung notwendig. Es gibt jedoch medizinisch anerkannte Ausnahmen: Schwangere sollten Folsäure (400 µg/Tag) supplementieren, um Neuralrohrdefekten vorzubeugen. Veganer müssen Vitamin B12 supplementieren, da es fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vorkommt. In den sonnenarmen Wintermonaten kann eine Vitamin-D-Supplementierung (800–1.000 IE/Tag) sinnvoll sein.

Ältere Menschen haben oft einen erhöhten Bedarf an Vitamin D und Calcium. Personen mit nachgewiesenem Eisenmangel (labordiagnostisch bestätigt) benötigen möglicherweise eine Eisensupplementierung. In all diesen Fällen sollte die Einnahme jedoch mit dem Arzt abgesprochen und idealerweise durch Blutuntersuchungen kontrolliert werden.

Risiken der Überdosierung

Viele Verbraucher gehen davon aus, dass Nahrungsergänzungsmittel als natürliche' Produkte grundsätzlich unbedenklich seien. Das ist ein gefährlicher Irrtum. Fettlösliche Vitamine (A, D, E, K) werden im Körper gespeichert und können bei dauerhafter Überdosierung toxisch wirken. Eine chronische Vitamin-A-Überdosierung kann zu Leberschäden führen, eine Überdosierung von Vitamin D zu Hyperkalzämie mit Nierenschäden.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat Höchstmengenempfehlungen für NEM veröffentlicht, die von vielen Produkten auf dem Markt – insbesondere aus dem Internet – deutlich überschritten werden. Produkte mit Megadosen' von 1.000 Prozent der empfohlenen Tagesdosis sind nicht wirksamer, sondern potentiell gesundheitsschädlich. Auch Wechselwirkungen mit Medikamenten sind ein ernstes Risiko: Johanniskraut kann die Wirkung der Antibabypille herabsetzen, Vitamin K kann Blutverdünner unwirksam machen.

Problematische Produkte aus dem Internet

Besondere Vorsicht ist bei NEM geboten, die über das Internet bestellt werden – insbesondere aus Nicht-EU-Ländern. Diese unterliegen nicht den europäischen Vorschriften und können undeklarierte Wirkstoffe, Verunreinigungen oder Überdosierungen enthalten. Das BVL warnt regelmäßig vor Produkten, die anabole Steroide, Sibutramin (ein verbotenes Appetitzüglermedikament) oder andere pharmakologisch wirksame Substanzen enthalten.

Kaufen Sie NEM nur von bekannten, in der EU ansässigen Herstellern. Prüfen Sie, ob das Produkt beim BVL angezeigt ist. Seien Sie misstrauisch bei Produkten, die als Wundermittel' beworben werden, dramatische Vorher-Nachher-Bilder zeigen oder ausschließlich über soziale Medien und Influencer vermarktet werden.

Bessere Alternativen: Ausgewogene Ernährung

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt eine abwechslungsreiche Ernährung mit mindestens fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen und hochwertigem Eiweiß. Eine solche Ernährung liefert in der Regel alle notwendigen Vitamine und Mineralstoffe in der richtigen Dosierung und im optimalen Zusammenspiel.

Die Bioverfügbarkeit von Nährstoffen aus natürlichen Lebensmitteln ist oft besser als aus isolierten Supplementen. Zudem enthalten Lebensmittel Tausende von sekundären Pflanzenstoffen, Ballaststoffen und anderen Substanzen, die sich gegenseitig in ihrer Wirkung unterstützen – ein Effekt, der durch keine Pille ersetzt werden kann.

Schlagwörter

NahrungsergänzungsmittelVitamineÜberdosierungBfRGesundheitErnährungHealth ClaimsVerbraucherschutz

Geprüft durch das Verbraucherschutz Institut Deutschland

Dieser Artikel wurde von unserer Redaktion sorgfältig recherchiert und nach den Grundsätzen des unabhängigen Verbraucherschutzes erstellt. Stand: 30. Oktober 2025.